August 2014 – Die Burg

von Experiment Ihme-Zentrum

Winter

„Das größte Problem des Ihme-Zentrums ist seine Inselstellung. Es gibt keine wirklichen Zugänge. Der Komplex lässt niemanden hinein“, erklärt mir Architekt C. „Als die Fußgängerbrücke von der Limmerstraße zum Zentrum abgerissen wurde, das war, als würde einem Patient die Infusion gekappt.“ Die Brutalität, das Gewaltsame des Ihme-Zentrums ist keineswegs der rohe Beton oder die tristen Farben. Das, was das Zentrum so aggressiv wirken lässt, ist genau diese Weigerung, sich der Umgebung anzupassen. Die Planer haben einfach einen Riegel an den Fluss geklatscht. Ein ganzer Stadtteil dahinter verlor so seine Anbindung zum Wasser. Und es sollte Jahrzehnte dauern, bis die Lindener den Weg zur Ihme und Leine wieder finden sollten. Und auch das von C. beschriebene Burghaftige ist ein Problem. Man bekommt das Gefühl, im Zentrum würden abends die Zugbrücken hochgefahren, und niemand könnte mehr rein oder raus.

Platte

Dabei ist die Idee des Zentrums und seines Charakters der Stadt in der Stadt in seinem Ursprung durchaus sinnvoll. Hannovers Innenstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zum großen Teil zerstört. Als die Trümmer dann nach und nach weggeräumt wurden und die großen Industrieanlagen aus den innenstadtnahen Lagen verschwanden, wurde die Frage laut: Wie wollen wir zukünftig  leben? Die City wurde autogerecht – die Ölkrise war noch weit weg. Der Individualverkehr war durch das Wirtschaftswunder zur Freiheit vieler geworden. Gleichzeitig wurde mit neuen Formen des Wohnens experimentiert. Der Altbau – heutzutage der Wohntraum all derer, die es sich leisten können – galt als antiquiert. Ähnlich wie in der DDR sollte die Platte die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt entzerren. Linden, Hannovers altes Arbeiterviertel, sollte komplett umgebaut werden und in Wohnblöcke neu entstehen. Das Ihme-Zentrum sollte dabei als eine Art Arkologie dem Ganzen vorstehen.

Doch schon kurz nach der Einweihung bröckelte die schöne Idee. Die Menschen entdeckten ihre alten Städte wieder, renovierten die Altbauten, fuhren weniger Auto und wollten doch ganz anders wohnen, als sich das ein paar Architekten am Reißbrett ausgedacht hatten. Das Einkaufszentrum verfiel, nur die Wohnungen im Ihme-Zentrum waren meist voll belegt. Viele der Wohnungen sind außerdem Eigentum, toll geschnitten und mit viel Platz und einem unglaublichen Blick gesegnet. Da wollte niemand so schnell raus.

Wegweiser

In den 2000er-Jahren wurde das Zentrum dann ein Objekt für Investoren. Mit dem Ergebnis, dass nach der Finanz- und Wirtschaftskrise das Gebäude brach lag. Die Landesbank Berlin (LBB) als Gläubigerbank hatte vergeblich nach Investoren gesucht – vergeblich. Nach mehreren Jahren Stillstand wurde dann im August 2014 versucht, das Zentrum zu versteigern. Ebenfalls ohne Erfolg. Vielleicht lag es auch daran, dass die LBB den Komplex komplett loswerden will – immerhin zwei Bürokomplexe, das leer stehende Einkaufszentrum „Ihme-Arkaden“, nahezu 200 Wohnungen sowie ein Parkhaus unter dem Gebäude, das als einziger Teil fast fertig renoviert wurde.

Viele Gedanken, die mich umtreiben, während ich mit Freund E. den Balkon bei einer Flasche Wein einweihe, während ein paar Stockwerke unter uns eine Jugendgang in einer der kaputten und uneinsichtigen Ecken kifft, laut Hip-Hop hört und schimpft. Vor uns liegt die gesamte Innenstadt Hannovers. Weit hinten sehen wir blinkende Flugzeuge im Anflug auf den Flughafen in Langenhagen. Es ist wunderschön hier.

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